Dachsteine Klettersteige | © DAV Sektion Altdorf - Michaela Vollhardt

Zwischen Fels, Gletscher und Gewitterwolken

Fünf Klettersteigbegeisterte unterwegs am Dachstein

30.08.2026

Eine anspruchsvolle Route, fünf gut vorbereitete Teilnehmer und eine Wettervorhersage, die uns lange zögern ließ: Wegen der angekündigten Gewitter stand unsere Dachsteintour zunächst auf der Kippe. Erst nach gründlicher Abwägung und einer günstigeren Prognose fiel die Entscheidung: Wir fahren.

In Ramsau angekommen, machten wir uns auf den Weg zur Südwandhütte. Der abwechslungsreiche Aufstieg durch die hochalpine Landschaft stimmte uns auf die kommenden Tage ein und diente zugleich der Akklimatisation. Mit jedem Höhenmeter rückte die gewaltige Dachstein-Südwand näher.

Von der Terrasse der Hütte konnten wir bereits unser nächstes Ziel erkennen: Über die Klettersteige Anna und Johann sollte es am folgenden Tag hinauf zur Seethalerhütte gehen. Die Vorfreude war groß, der Respekt vor der langen und anspruchsvollen Tour ebenso.

Am Freitag starteten wir mit gemischten Gefühlen. Besonders die berüchtigte E-Stelle am Einstieg des Johann-Klettersteigs beschäftigte uns. Zunächst lagen jedoch die rund 300 Höhenmeter des Anna-Klettersteigs vor uns. Seine D-Passagen verlangten Konzentration und Kraft, brachten uns aber zugleich in einen guten Rhythmus.

Nach einer kurzen Pause standen wir schließlich vor dem Einstieg in den Johann. Schnell zeigte sich, dass unsere Gruppe der Schlüsselstelle gewachsen war. Alle meisterten sie sicher. Danach folgten lange, steile Kletterpassagen mit eindrucksvollen Tiefblicken und einem weiten Panorama über die Dachsteinregion.

Während einer Rast sorgte eine Alpendohle für einen ungewöhnlichen Moment: Von einer erhöhten Stelle aus schob sie gezielt kleine Steine auf uns hinunter – offenbar in der Hoffnung, dafür etwas Brot zu bekommen. Da kam unweigerlich die Frage auf, ob vielleicht auch mancher Steinschlag tierische Ursachen hat.

Nach vielen Metern in der steilen Felswand erreichten wir den Ausstieg bei der Seethalerhütte. Dort empfing uns ein außergewöhnlich junges und engagiertes Hüttenteam. Die Pächterin und ihre Mannschaft bewirten ihre Gäste mit spürbarer Freude, ausgezeichnetem Essen und viel Aufmerksamkeit für unterschiedliche Ernährungswünsche – ob vegetarisch, vegan oder klassisch.

Das ist unter den schwierigen Bedingungen keineswegs selbstverständlich. Der Rückgang des Gletschers, zunehmender Wassermangel und die aufwendige Versorgung per Hubschrauber stellen das Team täglich vor große Herausforderungen. Umso erfreulicher ist es zu erleben, mit wie viel Energie und neuen Ideen hier die Zukunft einer Vereinshütte gestaltet wird.

Nach einer wohlverdienten Pause an der Seethalerhütte machten wir uns an die Besteigung des Hohen Dachsteins. Zunächst ging es über den Gletscher bis zur deutlich sichtbaren Randkluft. Nach deren Überquerung stiegen wir in den Gipfelklettersteig ein. Im Vergleich zu Anna und Johann erschien er uns beinahe leicht. Schließlich erreichten wir den Gipfel des Hohen Dachsteins.

 

Für eine ausgedehnte Gipfelrast blieb allerdings keine Zeit: Aus der Ferne zogen bereits dunkle Wolken in unsere Richtung. Wir begannen deshalb umgehend mit dem Abstieg. Kaum waren wir wieder sicher an der Seethalerhütte angekommen, verschwand der Dachstein vollständig im Nebel. Der Berg hatte uns eindrücklich gezeigt, wie schnell sich die Bedingungen im Hochgebirge verändern können.

Auch die Temperaturschwankungen während unserer Tour waren enorm. Sie reichten von hochsommerlicher Wärme bis zu Temperaturen um den Gefrierpunkt, begleitet von Graupelschauern. Entsprechend kam beinahe der gesamte Inhalt unserer Rucksäcke zum Einsatz: von leichter Sommerbekleidung bis zu Daunenjacken und Handschuhen.

Am nächsten Morgen führte unser Weg über den Hunerkogel weiter. Die Wettervorhersage blieb wechselhaft, Fels und Sicherungen waren teilweise nass. Wir stiegen zunächst in den Koppenkarstein-Westgrat ein. Als Regen einsetzte, verzichteten wir auf die Fortsetzung und entschieden uns für den kurzen Durchgang durch den Rosmariestollen. Anschließend wanderten wir weiter in Richtung Guttenberghaus.

Bei unserer Ankunft war es wieder trocken. So blieb noch genügend Zeit für den nahe gelegenen Sinabell-Klettersteig, der sich als sehr lohnende Zugabe erwies. Anschließend sorgten Kaiserschmarrn mit Kaffee und eine Kaspressknödelsuppe dafür, dass auch die verbrauchten Energiereserven wieder aufgefüllt wurden.

Am letzten Tag wurden wir mit herrlichem, sonnigem Bergwetter belohnt. Der Abstieg entwickelte sich noch einmal zu einem landschaftlichen Höhepunkt. Über den Höhenweg eröffneten sich weite Blicke auf die eindrucksvolle Karstlandschaft des Dachsteinmassivs. Vorbei am Silberkarsee ging es anschließend durch die wunderschöne Silberkarklamm. Zwischen steilen Felswänden, wildem Wasser und kleinen Klettersteigpassagen konnten wir die Tour bei besten Bedingungen ausklingen lassen.

Unten angekommen, wuschen wir in einem Bach den Schweiß der vergangenen Tage ab und machten uns müde, aber zufrieden auf den Heimweg.

Hinter uns lagen eine gelungene Gemeinschaftstour, viele anspruchsvolle Klettermeter und Entscheidungen, die wir stets an die Wetterlage angepasst hatten. Alle Herausforderungen wurden sicher gemeistert. Einmal mehr zeigte sich, wie wichtig gute Vorbereitung, gegenseitiges Vertrauen und vernunftvolles Handeln am Berg sind.

Zur Freude über das Erlebte mischte sich jedoch auch Nachdenklichkeit. Der dramatische Rückgang des Dachsteingletschers ist unübersehbar. Gleichzeitig begegneten wir einer jungen Generation von Hüttenwirten, die mit Mut, Begeisterung und zeitgemäßen Ideen Verantwortung übernimmt.

Die Berge und die Bedingungen verändern sich. Umso wertvoller sind die Tage, die wir dort gemeinsam erleben dürfen – mit Respekt vor der Natur und dem Bewusstsein, dass all dies nicht selbstverständlich ist.