MTB-Abfahrt vom Theodulgletscher | © DAV Sektion Altdorf - Jan Kürschner

WestalpenCross Wallis-Aosta

Wallis-Aosta Runde

26.07.2026

Schmelzen die Gletscher gibts mehr Platz zum radeln

Den Alpenhauptkamm mit dem MTB in der höchsten Region zwischen MonteRosa, Grand Combin und Mt. Blanc überqueren - Ist das nicht vergletschert?
Ein krasses Projekt – das Erfahrung, Ausdauer und Glück erfordert:

Erfahrungen von den Westalpen brachten alle 6 Mitglieder der DAV Altdorf Bergradgruppe mit, Kondition – naja kann man mit Willen und Leidensfähigkeit ausgleichen, vom Gletschern und Glück ist noch zu berichten...

Die Runde startete im unteren Schweizer Wallis nach langer Anfahrt: noch ein paar Stunden einrollen auf Talstraßen besagte die Planung.

Hochmotiviert entschloss sich die Gruppe zur „Abkürzung“ auf dem Wanderwegelchen auf der anderen Bachseite – zuerst feinschottrig, dann idyllischer Wanderpfad, schließlich im Auf und Ab zwischen Granitblöcken mit dem Radl am Rücken durch die Fichten fädelnd.
Willkommen in den Westalpen! – da ist nicht jeder in der Karte flache Weg fahrbar.

Vom nächsten Plan wurde nicht abgewichen und über malerische Bergdörfer, schottrige Almwege und glatte Singletrails ging es zum Col mit Cabane de Mille (2473m). Allgegenwärtig der Blick von Sonnenterasse und durchs Hütten-Panoramafenster auf die lange Mt. Blanc-Kette: tagsüber im Sonnenschein, abends im Abendrot und nachts bei Vollmond.

Hier ist Wandergebiet, aber auch Trail-Runner sind unterwegs und MTB-Gruppen tragen Ihre Bikes von Verbier hier hoch um sich gleich die Downhills wieder hinunter zu stürzen.

Wie in der Schweiz üblich, gelingt das miteinander auf den Wegen, man schätzt sich und staunt über große Wanderrucksäcke, Running-Minimalismus und wo man in dem Gelände noch radfahren kann.

Die Trails wechseln zwischen meist glatt und felsig-ausgesetzt, fahren oder absteigen – Fehler kann man sich hier nicht erlauben.

Nach 1000 Tiefenmetern ging es auf Teer hoch zum Mauvoisin-Stausee. Der war noch gut gefüllt, wird ja von den schmelzenden Grand Combin Gletschern gespeist. Das tief eingeschnittene Tal konnte über befahrbare Bergstollen erreicht werden, dann wieder Hitzeschlacht im staubigen und baumlosen ex-Gletscher-Gelände.

Wasserfälle füllten die Trinkflaschen auf dem langen Weg zur Cabane de Chanrion (2462m). Der Hütten-See war glasklar und eiskalt, aber nach ein paar Schwimmzügen überwog die Ruhe, die Natürlichkeit mit den 1000m höheren Gipfeln ringsherum.

Die Hütte hatte einen Edelstahl-Glas Anbau bekommen mit Vollholzausstattung, Panoramafenstern, Kleingruppen-Zimmern und ist top organisiert: Schuhraum, Trockenraum, Hütten-Crocks (nach Größe eingeordnet), Check-In, Trockentoiletten, Theke, auch Abendessen und Frühstück waren (für Hüttenverhältnisse) exklusiv - hier könnte man bleiben!

Wenn nicht am nächsten Tag die längste Etappe über den Fenetre de Durand (2797m) nach Aosta (583m) anstünde:
Hochwärts gut 600 Hm, davon je nach Motivation mindestens 400m schieben.

Die in der Karte verzeichneten Gletscher sind schon länger tot, d.h. ohne Nachschub und unter Schutt begraben..
Im Hintergrund noch die Serpentine-Gletscher (3789m)

Der Downhill war wieder anspruchsvoll, teilweise verblockt, dann flacher und an endlosen Felsketten entlang führend bis die Almhütten begannen und auf Waalwegen bis nach Valpelline. 

Einer davon ist ein 500m langer unbeleuchteter Stollen, gerade lenkerbreit und mannshoch – bei Gegenverkehr hätte da eine Gruppe umdrehen müssen.

Die Schotterpisten nach Aosta zogen die Tourdauer auf über 10h, doch der Biobauernhof und italienische Pizza in der Gartenwirtschaft lockten.

Die härteste Etappe begann mit opulentem Gartenfrühstück, zu spät um die morgentliche Kühle nutzen zu können - das Thermometer kletterte schließlich auf 42°C auf dem langen 2000 Hm Südanstieg zum Rifugio Barmasse.  Wer da nicht aufs Taxi umstieg füllte die Trinkflaschen an jedem Brunnen und Bächlein und an dem glücklicherweise offenen Gartenrestaurant eines Campingplatzes. Dort  gab es eine Sonderschicht mit Pasta für ausgezehrte Radler.

Danach gings locker auf und ab Richtung des dominierenden Matterhorns.

Der nächste Tag kündigte für die höchste Etappe zur Theodulhütte (3317m) abendliche Gewitter an. Nur dumm, dass es schon um 10 Uhr krachte und blitzte. Da gab es nur: abwarten (an einem Hauseingang gelehnt). Die Regenprognose war online und prognostizierte in 3h die Hölle mit großräumigen Gewittern und Starkregen.
Also Plan B: Abbruch, hier geht’s nicht weiter, sondern wieder zurück über Aosta mit dem Bus in die Schweiz!?

Die Komponente Glück kam erst langsam: Mit Aufhellungen und der Möglichkeit im Nieselregen zur nächsten Bergstation zu gelangen. Dort kamen Wolkenlücken und schließlich sogar Sonnenschein dazu – kein Tropfen fiel mehr bis zum Abendessen!

Es gelang sogar das Erreichen des Testa Grigia (3480m). Dort hatten die National-Skiteams gerade den Skibetrieb des letzten verbliebenen Sommerskigebiets der Alpen am Theodulgletscher beendet. Damit gehört die Pistenraupenspur für den Rest des Sommers den Radlern - die Abfahrt im Sulzschnee gelang darauf jedenfalls ganz passabel.
Das Abendgewitter konnte anschließend über das Panoramafenster bei einem Glas Vino Rosso genossen werden.

Die spannendste Etappe war der finale Weg über 2,5km Gletscher zum Trockenen Steg. Schlechtwetter, oder auch nur schlechte Sicht, verschneite Gletscherspalten, Tiefschnee wären auch hier Showstopper gewesen. G

lücklicherweise konnte die aufgeweichte Pistenspur im nassen Blankeisgletscher in flotter Fahrt genossen werden. Und das im Schatten des Matterhorns mit Blick auf gut 20(!) 4000er Gipfel.

Allerdings stoppte die flotte Fahrt kurz vor Ende noch an einem im Gletscher eingelagerten Gletscherbach – zu riskant wäre die Überschreitung im Blankeis gewesen. Zum Glück gabs einen Schiebeweg nach unten zum Gletscherrand.

Der Downhill ins nochmal 1400m unterhalb liegende Zermatt war wieder nach dem Geschmack der Gruppe und nach unzähligen Fotostops konnte noch das lange Mattertal überwiegend auf Trails genossen werden.

Glück gehabt: Eine harmonische Gruppe, kaum Stürze, kaum Pannen, passables Wetter und Bedingungen.

So kann man die höchsten Alpenübergänge bewältigen und völlig geflashed von unzähligen Eindrücken und Erlebnissen heimkehren.

Text: Jan Kürschner