Morgengrauen am Argentiere-Gletscher | © DAV Sektion Altdorf - Wolfgang Müller

Haute Route

Skihochtour von Chamonix nach Zermatt

17.04.2026

Großes Kino: HAUTE ROUTE

Kaum jemand würde sich an sechs aufeinander folgenden Tagen in einem Kino den selben Film anschauen.
Was hat also vier Skibergsteiger vom DAV Altdorf (eine Frau und drei Männer) dazu bewogen, sich auf eine sechstägige Skitour in die Walliser Alpen aufzumachen?

Ehrfürchtig machte man sich an einem sehr frühen Donnerstagmorgen Mitte April auf die Reise, um der Königin der Skitouren, der „Haute Route“, die Ehre zu erweisen.

Bei diesem „hohen Weg“ handelt es sich um eine anspruchsvolle Skidurchquerung, welche von Chamonix (Frankreich) nach Zermatt (Schweiz) führt. Die Strecke verbindet den Mont Blanc mit dem Matterhorn. 

Die Route verläuft häufig in Höhen zwischen 2.000 und über 3.000 Metern. Sie bietet Ausblicke auf gigantische Gletscher, grüne Alpentäler und ursprüngliche Bergdörfer. Die Wanderung ist technisch anspruchsvoll, aber meist ohne extrem schwierige Kletterpassagen. Es ist eine Hüttentour, bei der die Nächte meist in charakterstarken Berghütten verbracht werden.

So tauchten die vier Abenteurer dann am Donnerstag Mittag mit dem Zustieg von dem Ort Argentière über den Argentière-Gletscher auf die Argentière-Hütte (2.771m) ins große Kino der Westalpen ein. Die Schnee- und Wetterbedingungen waren die nächsten Tage optimal gemeldet. Am späten Nachmittag erreichte man über das erste Gletscherbecken die Hütte.

Obwohl die meisten Berghütten inzwischen essenstechnisch schon sehr gut auf Unverträglichkeiten reagieren, konnte die erste Hütte einem der vier Abenteurer (Diabetiker) den essentiellen Wunsch nach kohlehydratarmer / -loser Verpflegung nicht erfüllen. Nur die Tomatensauce ohne Nudeln zu essen, war aber auch keine wirkliche Alternative. 

So stand die Gruppe gleich am ersten langen Tourentag schon zu Beginn vor der Frage, ob aufgrund der spürbaren Höhenanpassung, rotierenden Blutzuckerwerten und ohne Frühstück der betroffenen Person die Durchquerung schon wieder frühzeitig beendet werden musste.
Es gelang jedoch durch Achtsamkeit, Tapferkeit und Ruhe in ein angepasstes Gehen zu kommen. Nach rund zwei Stunden verschwand die Übelkeit und der Kreislauf stabilisierte sich. Dies war auch sehr gut so, denn über den Chardonnet-Gletscher stieg man alsbald dem Col du Chardonnet, einem Übergang auf 3.323m entgegen. Die letzten 100 Höhenmeter galt es die Skier an den Rucksack zu montieren, um über felsige Kletterei den höchsten Punkt und zugleich die Abseilstelle zu erreichen. Auf der Ostseite galt es sich dann wieder 60 Meter abzuseilen.
Über den Saleinaz-Gletscher und den zugehörigen Übergang (Fenêtre de Saleinaz 3.261m) und den Trient-Gletscher und den dritten Übergang des Tages (Col des Ecandies 2.793m) gelang es dann, nach langen 10 Stunden den Talort Champex zu erreichen.

Mit dem Bus hatte man eine gute Verbindung nach Bourg-St. Pierre. Ein ebenfalls kleines romantisches Bergsteigerdorf und vor allem endlich mit einer tollen und gut stärkenden Verköstigung. 

Am Samstag stand eigentlich nur der Zustieg über rund 1.400hm auf die Valsorey-Hütte (3.033m) auf dem Programm. Dies gestaltete sich aber dennoch sehr abwechslungsreich, da es die ersten zwei Stunden mit aufgeschnallten Skiern entlang von mit frisch blühenden Krokussen übersäten Almwiesen zunächst taleinwärts ging.

Nach einem spannenden Durchstieg durch eine Bach-Schlucht und den letzten 200 Höhenmetern in zu praller Frühlingssonne waren alle froh, sich an der Hütte erfrischen zu können.

Bislang wurden die vier Bergsteiger mit viel Sonne und wolkenlosem Himmel überschüttet. Die für den Sonntag dann gemeldete Wettereintrübung wurde gar nicht also schlimm empfunden, da es nach der Nacht auf der Valsorey-Hütte galt, einen luftigen ausgesetzten Übergang zu passieren.

Der durch den Nebel verstellte Blick in die Tiefen wurde beim ein oder anderen daher sehr gerne in Kauf genommen. Über den Col du Sonadon, vorbei am Tête de By und über den Mont Durant-Gletscher ging es am Kinosonntag auf die im Jahr 2021 modern renovierte und gemütliche Chanrion-Hütte auf 2.462m mit jungen Wirtsleuten, selbst gebackenem Kuchen und Brot und großen Panoramafenstern, welche den Kinotag  bis in die Nacht hinein noch verlängerten. 

Am vorletzten Tag ging es kilometerlang durch ein riesiges Flusstal, in welchem vor 100 Jahren noch ein über 50 Meter hoher Gletscher saß.

Der Anstieg über den Serpentine-Gletscher und der Gipfel des Pigne d´Arolla (3.787m) stellen wörtlich und geographisch den Höhepunkt des Tages dar. 

In der Abfahrt galt es noch den Durchschlupf zur berühmten und sehr ausgesetzt stehenden Vignettes-Hütte (3.157m) zu finden.

Gut genächtigt und verpflegt war schon der letzte Etappentag angebrochen. Im Morgenrot galt es aufzubrechen, um vorbei am Dents de Bertol, dem Tête Blanche und Stockji auf dem Valpeline (3.798m) dem dann noch knapp 700 Meter höheren Matterhorn fast zum Greifen nahe zu sein.

Für freudige Überraschung sorgte dann noch die Abfahrt nach Zermatt, welche bis ins Ortszentrum möglich war!
Nach deutlich über 30 Kilometern auf Skiern und über 3.000 Tiefenmetern Abfahrt war man froh, an diesem Tag nur noch wenige hundert Meter bis zur Jugendherberge in den Skischuhen gehen zu müssen.

Trotz dessen, dass man sechs Tage zusammen unterwegs war und viel gesehen und erlebt hat, konnte man es zuerst trotzdem nicht wahrhaben, dass man es nun geschafft haben soll.
Die bloßen Zahlen von insgesamt über 7.000 Höhenmetern und über 100 Kilometern Strecke vermögen nicht, die unzähligen Eindrücke und Bilder widerzugeben und die Demut vor dem Erlebten und der Weitläufigkeit der Gletscher und Berge auszudrücken. 

Text: Wolfgang Müller