Hüttentour im Virgental

Osttirol/Venedigergruppe wurde aufgrund seiner Lage erst relativ spät touristisch erschlossen. Bis zur Eröffnung des Felbertauerntunnels im Jahr 1967 war die Anreise lang und beschwerlich. Auch heute muss man mit rund fünf Stunden Fahrzeit von Altdorf rechnen. Aber die Fahrt über Kitzbühl, Mittersil und Matrei lohnt sich auf jeden Fall. Viele Täler in der Region haben sich eine Ursprünglichkeit erhalten, die es im Norden Tirols so nicht mehr gibt. 

Anfang Juli 2019 machten sich neun Frauen und zwei Männer der Bergsteigergruppe der Sektion Altdorf ins recht abgelegene Virgental auf. Es liegt idyllisch zwischen Lasörling- und Venedigergruppe und endet an den Wänden der Riesenfernergruppe. Zwischen gletscherbedeckten Dreitausendern wandern geübte Berggeher ohne allzu große alpine Herausforderungen durch die beeindruckende Hochgebirgskulisse des Nationalparks Hohe Tauern.

Erstes Ziel der viertägigen Tour war die Essen-Rostocker-Hütte (2208m), die im Maurertal zwischen Alpenrosen und in der Nähe von gigantischen Wasserfällen, Gletscherseen und Gletschern liegt. Der landschaftlich reizvolle Aufstieg erfolgt vom Großparkplatz Ströden und dauert knapp drei Stunden. Das Schutzhaus ist etwas verbaut und unübersichtlich, aber das Hüttenteam, das mit Ehrenamtlichen aus Essen verstärkt wird, sehr bemüht und freundlich.

Für den zweiten Tag war eigentlich ein hochalpiner Übergang zur Clara-Hütte über den "Weg der Bergprinzessinnen" geplant. Weil 2019 noch viel Schnee oberhalb von 2500 Meter lag und die zu passierende Hochkarscharte an der 3000er-Grenze kratzt, entschieden sich die Altdorfer für ein Alternativprogramm: Morgens schnupperte die Gruppe bei einem etwa einstündigen Spaziergang zum noch unter Schnee und Eis versteckten Simonysee der vom Simonykees der fast 3500 Meter hohen Simonyspitzen gespeist wird, Hochgebirgsluft. Anschließend genossen die Wanderer noch einmal den schönen Weg nach Ströden aus umgekehrter Perspektive. Der dann folgende, etwa dreistündige Aufstieg entlang der Umbalfälle zur Clara-Hütte war kein langweiliger Hatsch, sondern ein erfrischendes und atemberaubendes Erlebnis. Im Umbaltal stürzt sich der letzte freifließende Gletscherfluss der Alpen auf spektakuläre Weise ins Tal. Die junge Isel wird durch einen Schaupfad über sieben Stationen erschlossen. Es gibt Plattformen auf denen man die ganze Kraft des Wassers erleben kann und jede Menge Infotafeln.

Die Clara-Hütte (2038m) ist winzig und duckt sich regelrecht unter Felsen. Weil sie vor einigen Jahren von Lawinen schwer beschädigt wurde, ist sie frisch renoviert. Leider waren 2018 neue Hüttenwirte vor Ort, die keine Ahnung von der Gegend und dem Zustand der Wege hatten und auch überhaupt nicht kochen konnten. Schade, denn in den Jahren zuvor war die Hütte von Wirtin Kasia tiptop geführt.

Ein Anruf auf der Neuen Reichenberger Hütte, dem nächsten Etappenziel, ergab, dass der für Tag 3 geplante Weg durchs Dabertal ebenfalls aufgrund von Schnee und Lawinenabgängen unpassierbar ist. Deshalb mussten die Altdorfer erneut nach Ströden absteigen und den normalen Hüttenweg über das Großbachtal zur Reichenberger Hütte gehen. Aber auch diese Wegvariante ist landschaftlich sehr reizvoll. Unterwegs hat man immer wieder tolle Ausblicke auf den Großvenediger. Die Neue Reichenberger Hütte (2586m) liegt wunderschön am Bödensee und hat ein einheimisches Wirtsehepaar, das sehr gut organsiert ist und seine Gäste mit echten Osttiroler Spezialitäten verwöhnt.

Weil am letzten Tag ab mittags Gewitter angesagt waren, erfolgte ein zügiger Abstieg. Gerade noch rechtzeitig, bevor ein Platzregen einsetzte, erreichten die Altdorfer die Islizler Alm in der Nähe des Parkplatzes.

Die Tour von der Clara-Hütte zur Neuen Reichenberger Hütte, die eine der schönsten in Osttirol sein soll, wollen die Altdorfer in den nächsten Jahren noch einmal angehen.

 Clara Grau