Bericht von
Geert Schiegnitz

Adrenalin im Stiefel
Mit Roland Linnert 3 Tage auf der Neuen Monte Rosa Hütte
(10.04. - 12.04.2010)

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Ängstlich sitzen die zwei zwischen Himmel und Erde am weißen Schneekragen vom Bergriesen Pollux.
Warten auf die anderen drei, die zum Gipfel wollten.
Hier am Skidepot tröpfelt die Zeit zäh und langsam.

Was ist passiert? Es ist schon nachmittags!
Ist einer in der rötlichen Fels-Kletterwand gestürzt?

Ab wann ruft man die Bergwacht?

 

Die drei Gipfelstürmer haben gut lachen, als sie zurückkommen.

Pudelwohl kehren sie vom Pollux zurück. Von Stress keine Spur!
 

 

Im letzten Sonnenstrahl funkelt die Neue Monte Rosa Hütte.

Wir kommen spät an. Die Essensausgabe ist schon fast vorbei.

In der kurzen Nacht diskutieren Muskelkater und Wadenkrampf lang, wer der stärkere ist.
Zwischendurch meldet sich der atemlose Puls mit Herzklopfen zu Wort. Um 4 Uhr Frühstück.

 

Die Akklimatisation war knapp bemessen. Vorgestern von Saas Fee auf den stolzen 4000m hohen Allalin. Gestern von Zermatt zu den noch höheren Riesen Breithorn und Pollux. Zuviel des Guten?

Erschöpft und mit wunden Füßen nimmt einer heute weise eine Auszeit. Die  anderen fühlen sich gut. Noch!

Im Stirnlampenlicht zieht die kleine Karawane los Richtung Signalkuppe.
Sternklare Nacht. Die Finger frieren in den extradicken Handschuhen.
Unterwegs hört man Husten. Vier Stunden dauert es, bis die ersten Sonnenstrahlen wärmen.

Plötzlich: die Schritte werden kurz, dann immer kürzer. Das Herz hämmert und holpert. Die dünne Luft spielt Versteck. Angst. Wieder Husten. Adrenalin peitscht den schnellen Puls noch höher.  Keuchen. Gebeugt auf die Skistöcke gestützt. Stehen bleiben. Keine Kondition? Husten. Schluss.
Wäre ein richtiger Doktor dabei gewesen, hätte der bestimmt den Heli vom Himmel geholt.
Die anderen sind fit und ziehen schleppend weiter zum Ziel.

 

Nachmittags zurück, ist genug Zeit, um die vieleckige Neue Monte Rosa Hütte neugierig zu erkunden. Alles ist anders hier. Innen ein Fachwerkhaus. Ein Puzzle der besonderen Art aus vielen zusammengesetzten Holzelementen.

Außen eine futuristische Haut aus Aluminium mit unterschiedlichen Neigungen und Flächen, von denen irgendeine in der Sonne immer flammend glitzert.

Und das Faszinierendste: vom Essraum bis zum dritten Stock wendelt sich mit der Treppe eine Glasfassade, die über 360 Grad den Blick frei gibt auf die gewaltige aber auch gewalttätige Gletscherlandschaft.

 

Wir sind begeistert: schön! Aber, wer schön sein will, lässt leiden. Es gibt keinen richtigen Trockenraum!

Nachts schaut der Ängstliche aufs Oxymeter. Nur 60 %. Wo ist der Sauerstoff? 

Unser letzter Tag beginnt mit einer Überraschung. Es hat nachts geschneit.

Diesmal lässt das bekannte Hormon den Puls schon vor dem Start ängstlich klopfen.
Alle Spuren sind weg. Wer kennt den Weg durch die weiße Wüste?

Zeitverzögert geht’s auf zur Dufourspitz. Unterwegs grinsende Gletscherspalten. Wir meinen, die Aufstiegsroute hätte sich gegenüber früher total verändert.
Am Dufoursattel angekommen, steigt die Spannung. Die Steigeisen müssen ran.
Im Schrägschritt die Schneeflanke hoch. Zwischendrin ein kurzes Steilstück, dass man lieber an dem mit Eisschraube gesicherten Seil geht.
Dann die Kletterpartie über den schmalen Grad in schwindelnder Höhe.
Plötzlich bist du Egoist. Dass zwei unten warten, ist dir in diesem Moment völlig egal. Lange umarmst du den felsigen Vorgipfel der Dufourspitz in 4505 Höhe.

Mit einem grandiosen, verzwirbelten Korkenziehertanz auf Ski verjubeln wir die aufgestauten Glückshormone bis ins Tal. Heimliche Blicke zurück verraten, alle sind berauscht!

Und wenn man Tage später wieder in Altdorf, Fischbach oder sonst wo am Schreibtisch sitzt, dann wird einem bewusst:

nur mit einem erfahrenen Hochtourenführer,

  • der die gähnende Gletscherspalte längst gesichtet,

  • am Pollux gelassen das Kletterseil auspackt,

  • vorsteigt und sichert,

  • an der Dufourspitz die Eisschraube setzt,

  • am Grad das lose Steigeisen beim Kameraden neu justiert,

nur mit einem Hochtourenführer wie dem Roland

schwappt das Adrenalin nicht aus dem Stiefel.

 

Es bedanken sich:

Jan, Norbert, Wolfgang, Geert